Saatgut ist Gemeingut!

 

Seit Jahrtausenden werden Pflanzen von Menschen angebaut und vermehrt. Durch Auswahl der anpassungsfähigsten und ertragreichsten Pflanzen gelang es, unzählige Sorten zu züchten, die oft an bestimmte Regionen hervorragend angepasst sind und unsere Vorfahren ernährten. Es war selbstverständlich, von der eigenen Ernte die besten Pflanzen zu vermehren und weiterzugeben. So kam es zu einer enormen Sortenvielfalt mit dem Vorteil, dass sich diese Sorten an die regionalen Besonderheiten anpassten.

Bei Saatgut ist es wie mit der Liebe: Durch Teilen wird es mehr!

Di Vielfalt zu erhalten ist unser Anliegen. So veranstalten wir jedes Jahr im Mehrgenerationenhaus der Evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen Anfang Februar eine Saatgut-Tauschbörse und Ende April/ Anfang Mai eine Pflanzentauschbörse. Salat Bautzener Dauerkopf Chili Naga Bhut Jolokia                                               Foto:St. Michalk

Erst seit etwa 150 Jahren entwickelten sich Vermehrungsbetriebe, die die kommerzielle Vermehrung übernahmen. Größter Wert wurde dabei auf hohen Ertrag und Gleichförmigkeit des Saatgutes gelegt.

Es entstanden unglaublich viele Sorten, nicht alle waren freilich ein "großer Wurf".

Aber es war damals auch rechtens, dass der Landwirt die Sorten aus eigener Ernte „nachbauen“ durfte. Erst als nach dem Weltkrieg große Monopole nach und nach diese Betriebe übernahmen, wurde Druck auf die Politik ausgeübt, dies zu unterbinden. Zugleich entstanden geschützte Sorten, die nicht mehr vermehrungsfähig sind oder nach erneuter (dann illegaler) Vermehrung keinen Ertrag mehr erbringen (sog. F1- Hybriden).

Dadurch verschwanden mehr als 75% der bewährten Sorten, wir erleben ein Aussterben der Artenvielfalt im Garten und auf den Feldern, wie es in der Geschichte der Menschheit wohl noch nie dagewesen ist.

Der bisherige traurige Schlusspunkt ist die Einführung der Gentechnik, womit das Erbgut für immer verfälscht und verunreinigt wird und deren Auswirkungen nicht abschätzbar und unumkehrbar sind.

In den letzten Jahrzehnten gab es vermehrte Bemühungen der Saatgutkonzerne, die Politik zu ihren Gunsten zu beeinflussen, was zum Großteil auch gelang, geht es doch um riesige Gewinne.

So kam es z.B. zu einem quasi Verkaufsverbot der alten Sorten, es sei denn, sie werden einem umständlichen und teuren Zulassungsverfahren unterworfen. Die Bedingungen dieser Zulassungen dazu wurden jedoch auf die „modernen“ Sorten ausgerichtet, so dass viele regionale Sorten, deren Vorteil gerade die Vielfalt der Gene und damit eine enorme Anpassungsfähigkeit ist, diese Zulassung nicht erhalten können. Ohne Zulassung dürfen diese alten Sorten nicht in den Handel gebracht werden, sie sind nicht „marktfähig“; Anbau für den Eigenbedarf und nichtkommerzielle Weitergabe bleiben aber (noch?) erlaubt.

Das Anbauverbot alter Sorten im Hausgarten wurde zwar bisher auch aufgrund vieler Proteste stets abgewendet, aber es ist noch immer keine Wende in der Politik ersichtlich. Das beweist ein Urteil des obersten EU- Gerichtshofes im Sommer 2012, mit dem die bisherige Politik der unverhältnismäßigen Förderung der Saatgutmonopole fortgesetzt wird. So ist es nicht verwunderlich, dass nur noch wenige unabhängige Saatgutbetriebe existieren, die aber die Konzerne offensichtlich stören.

Die EU- Kommission will seit Jahren das Saatgutrecht neu ordnen und „harmonisieren“, eine Verbesserung der Situation ist aber nicht zu erwarten, eher das Gegenteil.

Die einzige Konsequenz bleibt: Selbst Saatgut vermehren und weitergeben! Nur damit lässt sich der weitere Verlust der Vielfalt unserer ererbten Nutzpflanzen aufhalten.

Verschiedene Tomatensorten Bautzener Kastengurken

Dass das durchaus für jeden möglich ist, beweist eine wachsende Schar von Interessierten. Sie werden sehen: Es macht Spaß und gibt die Gewissheit, naturbelassene Produkte zu essen.

Alle Interessierten sind herzlich dazu eingeladen. Auch wer kein Saatgut aus eigener Ernte mitbringen kann, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, unbekannte und seltene Sorten kennen zu lernen, zu erwerben und diese dann im eigenen Garten zu vermehren und damit zu erhalten.